Eine Sprache zu lernen ist wunderschön und lohnend, hören wir, wenn auch harte Arbeit. Da ich total auf Sprachen steh, hab ich mich schon an einigen versucht. Ernsthaftere Versuche (die Schule ausgenommen) fanden statt bezüglich: Isländisch, Schwedisch, Toki Pona, Lojban, Chinesisch, Litauisch. Die Neigung dieser Spielereien zum Scheitern mag Resultat einer Vermeidungstaktik sein, ich vermeide Arbeit konsequent, auch gegen meinen Willen. So bleiben in diesem Fall auch (der Großteil der) Wunderschönheit und (des) “Lohn(s)” auf der Strecke.
Momentan verabscheue ich ja meinen Litauischkurs sehr und wende mich nostalgisch wieder dem Chinesischen zu. Litauisch ist wie Schule. Mein Matschgehirn weigert sich, sich von dieser Person bevormunden und vor anderen blamieren zu lassen, es schaltet ab, sobald es Fälle, Endungen dafür, irgendwas lernen soll. Vokabeln sind mit Überredung möglich, die anderen Möglichkeiten streifen meine Gedanken kaum nennenswert. Ich weiß, dass es den Lokativ gibt, der ist toll, weil er z.B. “universitetoje” aus einem Wort macht, das j ist toll. Den Instrumental mag ich auch. Abwechslung eben, “Ich will Extreme, ich will etwas fühlen!” kreischt etwas in mir mit weit aufgerissenen und sehr stark geschminkten Augen. (Besonders die Wimpern, achtet auf die Wimpern.)
Zu Weihnachten hab ich ein überteuertes Luxusding bekommen, das ist ein Michel Thomas-Kurs, “Total Mandarin Chinese”. Diese Kurse bestehen nur aus Audiomaterial, etwas mehr als 10 Stunden sollen es sein. In einschlägigen Foren werden sie kontrovers diskutiert: Für den abnormen Preis bekommt man wenig Inhalt geboten, das ist die eine Seite. Im konventionellen Selbststudium, wie man sich das so vorstellt, mit Lehrbuch, Zeichenkurs, Wörterbuch und Internet bekommt man um ähnliches Geld mehr nutzbares Material, die Möglichkeit, ein höheres sprachliches Niveau zu erreichen. Eben hab ich CD 1 von 8 abgeschlossen, mein Wortschatz umfasst 17 Wörter/Silben/Morpheme/whatever.
Die andere Seite ist der Aufbau, der Ansatz. Nachgestellte Situation: Ein amerikanischer “Lehrer”, eine chinesische Native Speakerin und zwei amerikanische Schüler_innen bilden eine Klasse, in der auch ich lande, wenn ich die (aus Prinzip noch nicht auf den Computer gespielte) CD in meinen mit Ladekabel noch funktionierenden Diskman (!!) lege und ein wenig überrumpelt von der Funktionsweise dieses Geräts natürlich noch keine Stöpsel in den Ohren hab, wenn es los geht.
In simplem Englisch wird mir gesagt, wie einfach das alles ist. Runter und rauf geht der Ton, als würde ich mit Zeige- und Mittelfinger eine Kugel aus der roten Wassermelone ausstechen. Wie sagst du das auf Chinesisch? Ich drück Pause, konstruier mir die Antwort Stück für Stück, sag es nocheinmal, etwas flüssiger, bis ich zufrieden bin. Dann, Wort für Wort. Ich spreche mit unserer Nativespeakerin mit. Wiederholung um Wiederholung. Er und sie sind Chines_innen/Amerikaner_innen/Engläner_innen, sie und er, es und sie, sie und sie… Noch nie hab ich so oft hintereinander tā gesagt. Vielleicht ist das gut, irgendwann gewöhne ich mich an die Sprünge in meinen Tonhöhen, warum ist mein grüner Ton so hoch, warum setzt der blaue so tief an, warum bla? (Hier ein echtes Problem: Es werden andere Farben verwendet als im MDBG-Wörterbuch. Werde ich so lange wohl meiden, oder einfach die Farben abschalten.)
Ich werde ein wenig wütend bei den weit her geholten und trotzdem nicht sehr einprägsamen Eselsbrücken, ich muss noch immer die Motivation finden, mir Zeit für soetwas zu nehmen, aber. Abgesehen davon ist das hier wirklich was für mich. Ich werde am Schluss in etwa wissen, wie ich weitermachen kann. Ich werde weiter sein als ich es nach dem unerträglichen VHS-Kurs hätte sein können. Gerade hab ich gegen eines der Gebote verstoßen und mir die Zeichen für in etwa die Hälfte der 17 Vokabeln aus meinem VHS-Kurs-Buch herausgesucht (weil ich glaube, dass das gut ist).
Wisst ihr, wie aufgeregt ich bin? Meine Abneigung gegen die Idee, in absehbarer Zeit nach China zu reisen (was jedermensch vorschlägt, sobald klar ist, dass ich die Sprache oder was ich davon kenn mag), dämpft meine Euphorie fast gar nicht. Fernab jeder Ostasienmystik begeistere ich mich wirklich für das hier. (Ich begeistere mich selten so sehr für Dinge, dass sie mich berühren.)
Der post ist auch recht begeisternd, find ich :)
Wenn du dich jetzt, wie es scheint, wieder vermehrt dem chinesischen widmest, lässt du Litauisch dann eine Weile sein? Oder machst du das wirklich einfach… naja, nebenbei, zusätzlich?
(Discmans… hm, ja, scheint einem fast ein wenig antik zu sein, irgendwie.. für Musikklausuren muss ich immer so ein Teil mitnehmen, ich hab also letzthin auch eines aus der Versenkung gewühlt…)
Achja, und was für einen Sinn hat eigentlich das Gebot, keine Zeichen rauszusuchen?
Wie auch immer, machs gut, du.
Litauisch muss ich noch ein Semester lang weitermachen, ob ich will oder nicht. Aber… Chinesisch… Ich glaub, ich tu ganz einfach das, wofür ich Motivation aufbringen kann. So vertieft man sich in nichts, schon klar. Aber man tut zumindest nicht nichts.
Man soll sich nur während man die CDs anhört mit der Sprache beschäftigen, sonst nicht darüber nachdenken oder weiterlernen.
Das ist einfach eine Beruhigungstaktik, denk ich. Der ganze Kurs nimmt dir die Verantwortung ab, du musst nicht darüber nachdenken, ob du es schaffst, ob du weiterkommst. Es wird dir gezeigt, dass du es ohnehin kannst, dass das gar nicht so schlimm ist… Du wirst einfach mitgetragen, und das effektiv, nicht als die Person, die immer irgendwas Falsches daherstottert, wenn sie gefragt wird, und trotzdem durchrutscht. Ein bisschen als Gegentaktik zum Schul-Sprachunterricht zu sehen, für alle, die damit schlechte Erfahrungen gemacht haben.
Wenn man dann trotzdem der Meinung ist, unbedingt Zeichen raussuchen zu müssen, spricht alles dafür, glaub ich. Widerspricht sich ja nicht so recht, es ist der selbe “ich tu, was sich am sichersten anfühlt”-Ansatz, der trotz all der Vermeidungstaktiken, die man sich damit aneignet, mein allerliebster ist.