11. November 2012 · 1:07 vormittags
Wir wissen, dass Supermärkte Dinge wegwerfen, die noch genießbar wären. Drei verpacktes Paprika, von denen eine eine Druckstelle hat. Packungen von beliebigen Dingen, die irgendwo beschädigt sind. Gemüse, das irgendwie nicht mehr so hübsch ist. Dumpstern oder containern heißt es, wenn Menschen zu den Mülltonnen dieser Supermärkte hingehen, um diese genießbaren Dinge rauszufischen und zu verwerten.
Ich treffe Holly um nicht weit von mir entfernt. Sie hat eine Frisur, die ich auch mal hatte, und studiert etwas, was gut ins Bild passt. Am Weg zu unserer ersten Adresse frag ich, gegen das Schweigen, wie die Sache mit den Schlüsseln funktioniert. Ich lege meine gestelzte Aussprache ein bisschen ab und versuch mich an einem Tonfall, der besser zu ihrem passt. Sie sperrt die Tür auf, die Tonnen stehen im Hinterhof. Außer einer Packung Bananen finden wir nur Hausmüll. Das sei ungewöhnlich, meint Holly. Ich pack die Bananen ein.
Wir gehen. Am Weg finden wir eine Tür, die wir nicht öffnen können, und Tonnen, die wohl doch nicht zu dem Markt gehören. Oder es ist ein sehr vorbildlicher Markt, an dem wenig weggeworfen wird.
Die zweite Adresse sollte viel Brot einbringen. Brot finden wir keines, zumindest keines, das noch halbwegs frisch wäre. Stattdessen füllt Holly zwei große Plastiksäcke mit Gemüse: Der eingeschweißte Brokkoli ist wunderschön, die Blätter der Frühlingszwiebeln gammeln am Ende vor sich hin, die Bananen werden es sicher noch ein oder zwei Tage aushalten. In der Tonne daneben finde ich zwei Blumenstöcke, Chrysanthemen vielleicht. Eine nimmt Holly mit, eine stellen wir an eine freundliche Stelle der Straße, vielleicht traut sich ja irgendwer. Den Basilikumtopf nehme ich, den Schnittlauch Holly. Meinen Rucksack fülle ich mit Gemüse, meine Stofftasche mit Birnen. Was eklig ist, kommt in die Tragtasche mit dem kaputten Henkel, mein Rucksack soll nicht zu viel abbekommen. Mehr brauchen wir nicht, unsere Wege trennen sich. Toll habe sie es gefunden, einmal in der Woche wolle sie gehen. Gern!, sage ich. Einen schönen Abend noch, wünsch ich ihr.
Meine Angst, am Weg in mein Zimmer auf Menschen zu treffen, ist groß. Ich hab den ausgeblichen-olivgrünen Mantel an, den ich umfärben wollte, und aus meinem Rucksack stinkt das gammlige Frühlingszwiebelblatt und was weiß ich, was noch. Ob das eine gute Idee war, weiß ich nicht. Ich werd alles wegwerfen, denke ich, wenn mich nur niemand sieht. Niemand sieht mich, ich fahre mit dem Lift nach oben, stelle alles in meinem Zimmer ab. Es riecht grauenhaft. Nostalgisch denke ich daran, wie empfindlich ich Gerüchen gegenüber schon immer war.
Schuhe und Jacke ziehe ich aus. Ich räume das Waschbecken frei. Suche die Schere. Sehe: Das Plastik um die Bananen ist ekelhaft, das lag in Dingen, die schon flüssig wurden. Ich schneide die Verpackung auf, lege sie weg und wasche die Bananen so lange, bis ich sie nicht mehr abstoßend finde. Immer wieder rieche ich daran: Sie sind ok. So verfahre ich mit den Paprika, dem Chinakohl und schlussendlich auch den Birnen. Nur die Banenverpackung ist ganz so schlimm. Als der Rand des Waschbeckens nicht reicht, um all mein Gemüse zu lagern, schlichte ich es in eine der Kisten von meiner wöchentlichen Gemüselieferung. Das Wasser wird auf den Plastikboden tropfen, von dort werde ich es wegwischen, mein Gemüse wird sauber sein. Die Birnen kommen auf einen Teller, der Teller an die andere Seite des Zimmers. Immer wieder wasche ich meine Hände. Dann bin ich fertig. Ich putze das Waschbecken. Ich trage Suppengemüse und Frühlingszwiebeln in die Küche, schneide die gammligen Blätter ab, wasch den Rest nocheinmal ab. Zum Glück ist die Gemüselade frei. Ich hole Chinakohl und Paprika und lege sie dazu. Wasche mir die Hände. Befülle die kaputte Tragtasche, in der die ekligen Dinge waren, mit den Verpackungen und werfe alles in der Küche weg. Wasche mir die Hände. Koche Tee. Räume mein Zimmer ein wenig auf. Das Fenster ist ohnehin gekippt. Gehe duschen. Rieche an jedem Kleidungsstück: Alles ok. Schlichte die Bananen neu, sie sollen nicht nass aufeinander liegen bleiben. Stecke eines der halbvergessenen Räucherstäbchen neben das kümmerliche Basilikum in den Topf. Esse eine Birne. Nehme mein Laptop und beginne zu schreiben. Esse eine Banane. Trinke den Tee.
Ekle mich nicht viel mehr vor alledem, als hätte ich es frisch gekauft. Es riecht nach Räucherstäbchen und Pfefferminztee. Frage mich, wann mir übel werden wird, und weiß, dass wahrscheinlich gar nicht. Das reicht.
[Meine Holly fand ich übrigens hier.]
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